Ruth Marcus fotografiert bereits seit mehr als fünfundzwanzig Jahren. Meist Tiere. Für die Fotoserie „Männer und ihre Tiere“ legte sie ihr Augenmerk gleichfalls auf deren Besitzer. In ihrer Arbeit wird sie von einer Arbeitsassistenz unterstützt, die das LWV Hessen Integrationsamt finanziert. Ohne diese Unterstützung könnte Marcus nicht mehr als Fotografin arbeiten.
SECHS BILDBÄNDE
„Schwerpunktmäßig fotografiere ich schon immer Tiere“, erzählt Marcus. Angefangen hat sie mit ihren eigenen: der Dobermann-Hündin Töle, dem Araberhengst Sharon und der Katze Tussie. Später kamen viele weitere dazu. Ihre Fotos füllten sechs Bildbände, ihre Aufnahmen wurden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt. „Ich habe schnell ein Etikett als Tierfotografin bekommen, weil meine Tierarbeiten außergewöhnlich sind. Und davon wieder loszukommen ist schwierig.“ Momentan zeigt das Historische Museum Hanau Schloss Philippsruhe 80 Aufnahmen, großformatig und schwarz-weiß, in der Ausstellung „Männer und ihre Tiere“.
Fotografin werden wollte sie immer. Anfangs passte das aber nicht so richtig in ihr Leben. Nach einem Medizinstudium arbeitet sie zunächst als Ärztin, später als Medizinjournalistin. „Als ich dann meinen Mann kennenlernte, er war Fotograf und hatte eine Werbeagentur, war es finanziell nicht möglich, die Medizin aufzugeben, um als Fotografin zu arbeiten. Mit 26 Jahren bekam ich dann Krebs und vier Jahre später erkrankte mein Mann schwer an amyotrophen Lateralsklerose (ALS)“, erinnert sich Marcus. „Ich habe dann dreizehn Jahre als Medizinjournalistin gearbeitet, davon sieben Jahre lang auch meinen Mann gepflegt. Für die Fotografie war da weder Zeit noch Energie.“
BERUFLICHER NEUSTART ALS FOTOGRAFIN
„Trotz der fortschreitenden Lähmung arbeitete mein Mann fast bis zum Schluss, auch mithilfe seiner Arbeitsassistenz. Für ihn war seine Arbeit sehr wichtig “, beschreibt die 67-Jährige. „Als er starb, musste ich erst mal Kraft sammeln. Aber mir wurde klar, wenn ich jetzt nicht als Fotografin loslege, dann mache ich es nie mehr. Ich stellte dann sieben verschiedene Projekte auf einer Veranstaltung in Berlin Galeristen und Verlegern vor und dann ging es gleich richtig los.“
Zwar galt der Schwerpunkt ihrer Fotografie immer den Tieren, die Besitzer ließen sich dabei natürlich auch beobachten. Ruth Marcus erstaunte, wie die Männer mit ihren Tieren spielten oder schmusten, ohne sich um irgendwelche Rollenbilder zu scheren. Die Idee für „Männer und ihre Tiere“ war geboren. Die Serie zeigt und erzählt die besondere Beziehung zwischen Männern und ihren Tieren. Katzen, Hunden, Pferden, aber auch exotischen Exemplaren wie einem Äffchen oder einem Otter. Männer mit einem Tier im Arm sind entspannt. „Ein Teil der Männer wirkt auf mich heute sehr verunsichert“, beschreibt die Fotografin ihre Wahrnehmung. „Was darf ich als Mann, wann bin ich überhaupt ein Mann? Mit einem Tier an ihrer Seite gewinnen sie an Sicherheit und Authentizität.“
OTTER NEMO ALS TIERISCHER BOTSCHAFTER
Der kleine Kurzkrallenotter Nemo etwa kam im Düsseldorfer Aquazoo auf die Welt. Weil seine Mutter nicht genügend Milch hatte, nahm sich Zoodirektor Wolfgang Gettmann seiner liebevoll an. Nemo lebte viele Jahre bei ihm und seiner Familie. Er ging mit auf Kanutour, tagsüber mit zur Arbeit in den Zoo, arbeitete als Otter-Botschafter und schlief auf dem Familiensofa inmitten seiner Plüschtiere. „Nemo war überaus entzückend und interessiert, an allem. Er war so voller Energie, kaum zu stoppen. Kein anderes Tier gibt so bezaubernde Geräusche von sich.“
Man könnte viele weitere Geschichten über die „Männer und ihre Tiere“ erzählen: Etwa von Daniel und seiner zur Eifersucht neigenden Graupapagei-Dame, die gerne auf den Fototermin verzichtet hätte, niemals aber auf „ihren“ Daniel. Oder dem süßen Sambo, ein Bonoboäffchen aus dem Frankfurter Zoo, den seine Mutter nicht säugen konnte und den stattdessen Affenpfleger Carsten Knott aufzog. „Zu sehen, wie die zwei spielten und schmusten, wie der kleine Kerl seine Umgebung erkundete, war zauberhaft“, schildert Marcus.
Eins ihrer Lieblingsbilder ist das Foto vom „Hasenmann“, von Karlheinz Schmidt und seinem Häschen. „Beim Termin auf seinem Grundstück tobte das Leben. Es gab Hühner und Hasen, die mein junger Hund, ein Dobermann, am liebsten gejagt oder gefressen hätte. Es war chaotisch“, erzählt die Fotografin. Herr Schmidt ließ sich davon nicht irritieren. Er setzte sich auf eine Holzkiste und nahm sein Häschen in den Arm. Als das Kerlchen ihm unvermittelt in den Finger biss, lachte er und schenkte mir so das liebste und wärmste Foto des Projekts.“
Auch die Zusammenarbeit von Thomas und seinem 800 Kilogramm schweren Holzrückpferd Remus, dem „Dreamteam“, faszinieren. „Das Bild drückt ein tiefes Vertrauen zwischen Mensch und Tier aus. Und es vermittelt das Gefühl, dass sich der Mensch durch ein Tier näher an der Natur fühlt.
Ein eher untypisches Foto zeigt die Füße von Herrchen und Hund, von Henni Nachtsheim und seiner Dogge Matilda. „Matilda war sehr scheu und schüchtern und saß am liebsten auf Herrchens Schoß. Keine ideale Position, sollte man auf dem Foto doch auch etwas von Henni sehen“.
ARBEITSASSISTENZ ERMÖGLICHT, WEITER ALS FOTOGRAFIN ZU ARBEITEN
Mittlerweile wird die Fotografin selbst von einer Arbeitsassistenz unterstützt. Ein unerkannter Herzfehler und ein Aneurysma führten zu einem Schlaganfall. „Zurückgeblieben ist glücklicherweise nur ein Zittern der rechten Hand, das in bestimmten Situationen zunimmt. Bilder qualitativ hochwertig zu bearbeiten funktioniert nicht mehr ohne Hilfe“, erklärt sie. „Ich bin sehr dankbar, über die Unterstützung meiner Arbeitsassistenz. Auch dem Integrationsamt, das mir diese Hilfe ermöglicht. Ohne diese Assistenz könnte ich meinen Beruf nur schwer ausüben.“
Ruth Marcus ist überzeugt: „Viel mehr Selbstständige müssten über diese Möglichkeit Bescheid wissen. Die Angestellten im Integrationsamt sind wirklich extrem engagiert und darum bemüht, Menschen die Fortführung ihrer beruflichen Tätigkeit zu ermöglichen.“
Weil das Zittern gelegentlich auch das Fotografieren beeinträchtigt, träumt sie, eine Brille mit integrierter Kamera auszuprobieren. „Wenn die Ausstellung vorbei ist und ich wieder mehr Zeit habe, möchte ich das unbedingt testen.“
KÜNSTLERIN FÜHRT DURCH IHRE AUSSTELLUNG
Die Ausstellung in den Galerieräumen im Historischen Museum Hanau Schloss Philippsruhe läuft noch bis zum 18. Oktober 2026, Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Am 20. September und 18. Oktober 2026 (Finissage-Führung) kann man gemeinsam mit der Künstlerin auf Entdeckungstour durch die Ausstellung gehen. Hinweis: Das Schloss ist barrierefrei.
