Hausmeister Peter Weil weiß gar nicht, dass er einer der Ideengeber für die inklusive Jugendherberge in Marburg ist. Mit vergnügtem Lächeln kehrt er ein wenig Dreck vor der Rezeption zusammen und plaudert mit den Gästen. Als der Mann mit dem schweren Schlüsselbund an der Jeans vor acht Jahren in Marburg startete, brachte er zwar einige Handicaps mit. Doch Herbergsleiter Peter Schmidt merkte schnell, „was für ein Gewinn es für den gesamten Betrieb ist, wenn es dieses Miteinander von ganz unterschiedlichen Menschen gibt.“ Und der Hausmeister, der sei „eine gute Seele“, der sich nicht nur um seinen Job, sondern auch um die Menschen um ihn herum kümmere.
Im Dezember wurde die Marburger Herberge als erste inklusive Jugendherberge Hessens eröffnet. Etwa die Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat eine Schwerbehinderung. Derzeit sind es zehn. „Im Team definieren wir uns aber nicht nach der Herausforderung, die jeder mitbringt, sondern über unsere Stärken“, betont Pädagogin Sandrine Fischer. Nur so viel: Es sind körperliche, geistige und seelische Beeinträchtigungen dabei.
Tom Köhler (31) sitzt mit dunkler Brille, weißem Langstock und dem gelbem Blinden-Abzeichen auf dem Herbergs-Sweatshirt an der Rezeption. Der frühere Altenpfleger hat sein Augenlicht erst in den letzten Jahren verloren. Dass er weniger als zwei Prozent Sehkraft hat, merkt man jedoch nicht. Wenn er die Gäste eincheckt, liest ihm ein Programm über Headset vor, was auf dem Computer zu finden ist. Auch Kaffee kann er den Besucherinnen und Besuchern problemlos anbieten. Die großen Gläser für den Latte Macchiato erkennt er noch und wo welches Programm an der Kaffeemaschine zu bedienen ist, hat er sich gemerkt.


Unterdessen ist der Hausmeister mit dem Geschirrwagen in den ersten Stock gefahren. Schließlich gehört die Vorbereitung der Tagungsräume zu seinen Aufgaben. Sorgfältig breitet er rote Servietten auf den Tischen aus und stellt Gläser, Wasser, Saft und Schorlen darauf. „Wir haben hier den schönsten Arbeitsplatz Marburgs – mit Blick aufs Schloss“, schwärmt der 61-Jährige: „Wir sind hier eine große Familie.“
ANGEKOMMEN IM ZWEITEN ZUHAUSE
Vom Gang schallt Latino-Musik herüber. Sabrina Hermann (37) wischt mit Schwung über den Flur. Sie kommt aus der Hotellerie und ist sehr froh, dass es in der Jugendherberge keine festgelegte Minutenzahl gibt, in der sie ein Zimmer schaffen muss. Dennoch sagt Herbergsleiter Schmidt: „Das ist ein sehr kleines, ganz starkes Team.“ Gemeinsam mit ihren beiden Kolleginnen sorgt Sabrina Hermann nicht nur für die Reinigung in den Zimmern. Sie kommen auch an ihren freien Tagen oft, um einen Kaffee in der Jugendherberge zu trinken: „Ich habe das Gefühl, angekommen zu sein“, sagt Sabrina Hermann: „Das ist mein zweites Zuhause.“


Es ist Mittagszeit. Köchin Monika Schmidt hat mehrere Dutzend Schnitzel gebraten, Gemüse und zwei Soßen vorbereitet. Jetzt schrubbt sie die Kipp-Pfanne, in der die Kartoffeln geschwenkt wurden. Kollegin Petra Makein (64) hat die Salate geschnippelt, die nun auf dem Buffet stehen. Sie hat viele Jahre als Intensiv-Fachkrankenschwester gearbeitet, bevor sie eine Covid-Infektion aus der Bahn warf. Sie ist froh über den Job in der Jugendherberge. Das gilt auch für Philipp Kurlinsky (21), der gerade Geschirr in die Spülmaschine räumt. „Das ist ein sehr entspanntes Arbeitsklima“, sagt er.
Das hängt auch damit zusammen, dass Pädagogin Sandrine Fischer darauf achtet, dass die Arbeit zu allen Beschäftigten passt. Das kann bedeuten, dass jemand einen speziellen Monitor oder einen Hocker anstelle eines Stuhls braucht. Sie schaut aber auch darauf, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr Potenzial entfalten können und nicht überfordert werden.


EIN OFFENES HAUS FÜR DIE GANZE STADT
Unterdessen sind Gäste aus der Stadt Marburg zum Mittagessen eingetrudelt. Denn seit der Neueröffnung hat sich die Jugendherberge noch stärker für die Einheimischen geöffnet. Das Rentnerpaar Claudia und Detlef Strack mag die weiten Räume und das leckere Essen: „Außerdem sind die Leute sehr, sehr freundlich“, erzählen sie. Es kommen Rollifahrer aus der ganzen Stadt, die sich darüber freuen, dass sie wirklich an jeden Sitzplatz heranfahren können.
Natürlich sind auch unter den Übernachtungsgästen viele Menschen mit Handicap. Schließlich hat das inklusive Haus nicht nur in und mit seinen Räumen sehr viele Beeinträchtigungen berücksichtigt. Auch die Kletterwände an der Fassade eignen sich für Sehbehinderte. Und bestellt ist ein Stand-up-Paddle-Board, mit dem auch Rollifahrer auf die Lahn können – mit ihren Freunden als Gondoliere. Bislang probierten vor allem Familien mit schwer behinderten Angehörigen die neuen Räume aus. „Es ist noch nicht alles perfekt“, sagt eine Mutter: „Aber das Team geht ansteckend freundschaftlich und offen miteinander um.“
Alle Fotos: Rolf K. Wegst
Hintergrund: Erster Herbergs-Neubau nach 20 Jahren
Die für 15,2 Millionen Euro neu errichtete Marburger Jugendherberge ist der erste Herbergs-Neubau in Hessen seit mehr als 20 Jahren. Das Team geht davon aus, dass sie in diesem Jahr 27.000 Gäste begrüßen können. Bereits jetzt gibt es 26.000 Reservierungen, darunter viele Schulklassen, Sportvereine, Musikgruppen, Radler und Familien – Menschen mit und ohne Handicaps.


Die Herberge liegt direkt an der Lahn und dem Lahnradweg am Fuß der Marburger Oberstadt. Sie bietet 183 Betten in 50 Zimmern auf vier Stockwerken, eine Sonnenterrasse sowie hervorragende Tagungsmöglichkeiten. Es gibt acht rollstuhlgeeignete oder barrierefreie Zimmer. Blinde können sich mithilfe eines Leitsystems orientieren. Leichte Sprache ist selbstverständlich. Für Menschen mit seelischer Behinderung gibt es einen Rückzugsraum, der besonders ruhig ist. Bedacht wurden die Bedürfnisse von Klein- und Großwüchsigen, von Autisten und Menschen mit kognitiven Einschränkungen.

Der Landeswohlfahrtsverband hat die inklusive Ausstattung mit 700.000 Euro unterstützt. Und dabei sind die Zimmer für Rollifahrer nicht nur groß genug, sie sind auch gemütlich wie ein Wohnzimmer eingerichtet. Und sie haben eine eigens designte Tapete, die moderne Marburger Bauten wie die Philosophische Fakultät oder den „Affenfelsen“ mit Tier- und Pflanzenmotiven verbindet. Das Marburger Haus ist nämlich nicht nur inklusiv, sondern auch eine Umwelt-Herberge. Sie wurde im Passivhausstandard mit nachhaltigen Baumaterialien errichtet, die Sonne sorgt für Strom und warmes Wasser. Geheizt wird mit Holz. Es gibt viel Bio-Essen und regionale Kost.
