LWV-Landesdirektorin Susanne Selbert mit Renate Dreesen
LWV-Landesdirektorin Susanne Selbert (l.) mit Renate Dreesen. (Fotos: LWV)

Engagiert gegen das Vergessen

Als Ausstellung zurück am historischen Standort: die Jüdische Berufsfachschule Masada

Das erste Mal der Öffentlichkeit präsentiert wurde die Ausstellung „Die Jüdische Berufsfachschule Masada in Darmstadt 1947-48“ am 27. Januar 2011 – dem Holocaust-Gedenktag. Von 16. bis 26. April 2024 ist sie erneut in Darmstadt zu sehen. Am Steubenplatz in der Regionalverwaltung des Landeswohlfahrtsverbandes (LWV) Hessen und damit dem historischen Standort der Berufsfachschule.

LWV-Landesdirektorin Susanne Selbert eröffnete die Ausstellung und begrüßte neben Darmstadts Oberbürgermeister Hanno Benz, allen anwesenden Gästen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des LWV auch Renate Dreesen, die die Ausstellung gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern ihres damaligen Deutsch-Leistungskurses konzipiert hat. In ihrem Grußwort freute sie sich besonders, Dreesen mit ihrer Ausstellung beim LWV zu Gast zu haben. „Sie und Ihre Schülerinnen und Schüler haben sich gegen das Vergessen engagiert.“ Selbert betonte: „Nicht nur der historische Standort Steubenplatz verbindet die jüdische Geschichte mit dem Landeswohlfahrtsverband. Auch die Erinnerungsarbeit ist uns ein sehr wichtiges Anliegen.“

IM EHEMALIGEN MAIN-NECKAR-BAHNHOF GEGRÜNDET

Eröffnet wurde die Jüdische Berufsfachschule Masada im Dezember 1947 von Samuel Milek Batalion im kriegsbeschädigten, ehemaligen Main-Neckar-Bahnhof am Steubenplatz, mitten in Darmstadt. Damit war sie eine der wenigen Schulen, die außerhalb eines Lagers untergebracht war. „Solche beruflichen Vorbereitungsschulen gab es üblicherweise wohl nur innerhalb von Lagern für sogenannte „Displaced Persons.“ Also Lagern, die die westlichen Besatzungsmächte eingerichtet hatten für Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges von den Deutschen in Arbeits- und Konzentrationslagern interniert und 1945 von den Alliierten befreit worden waren“, sagte Selbert.

Das Ziel der Schule war es, jungen Holocaust-Überlebenden eine berufliche Ausbildung und neuen Lebenswillen mit auf den Weg zu geben und sie auf ein zukünftiges Leben in Israel vorzubereiten. Zwischen 45 und 60 jüdische Jugendliche aus benachbarten Lagern, die zufällig in Darmstadt gestrandet waren, besuchten die Berufsfachschule. Der Schulalltag war straff, die Jugendlichen hatten täglich zehn Stunden Unterricht. Sie erlernten Berufe wie Tischler, Schreiner, Schlosser, Dreher, und Elektriker. Außerdem Hebräisch und jüdische Geschichte. Bereits nach zehn Monaten, als das Ziel erreicht war, wurde die Schule wieder geschlossen und geriet langsam in Vergessenheit.

Auch Darmstadts Bürgermeister würdigte in seiner Ansprache Dreesens Initiative und betonte, wie wichtig Erinnerungsarbeit sei, die mit jungen Menschen zusammen geleistet werde: „Das finde ich an dieser Ausstellung gut und deshalb bin ich auch gerne hierhergekommen. Gerade in den heutigen Zeiten, in denen Demokratie wieder bedroht ist, wo es darum geht, unsere gemeinsame Grundordnung zu erhalten, die demokratischen Werte zu verteidigen, muss das auch mit jungen Leuten stattfinden. Deswegen ist es auch vorbildlich, dass so eine Ausstellung bereits 2011 erarbeitet worden ist.“

Den Anstoß zu einer Ausstellung über die Masada-Schule gab Lea Dror-Batalion, die Tochter des Gründers Samuel Milek Batalion. Für eine Schulaufgabe ihrer Tochter Nathalie – einen Stammbaum der Familie zu zeichnen – beschäftigte sie sich mit den alten Fotos ihres Vaters. Das Interesse am Leben ihres Vaters nach dem Krieg war geweckt. Ihr Wunsch, mehr über ihre Wurzeln zu erfahren, brachten die heute in Israel lebende Frau schließlich in ihre Geburtsstadt Darmstadt zurück.

FORSCHUNG IM STADTARCHIV DARMSTADT

In Deutschland erzählte sie ihre Geschichte und zeigte die alten Bilder. Unter anderem bei einer Veranstaltung im Römer in Frankfurt am Main, bei der sie Kontakt zur Marienschwesternschaft Darmstadts bekam. Die Schwestern gaben ihr daraufhin den Tipp, sich an Renate Dreesen zu wenden. Dreesen war 2010 noch Lehrerin für Deutsch und Politik an der Heinrich-Emanuel-Merck Schule. Die geschichtlich äußerst interessierte Frau ist zudem Vorsitzende des Arbeitskreises ehemalige Synagoge Pfungstadt e. V. und des Denkzeichen Güterbahnhof Darmstadt. Dror-Batalion begeisterte Dreesen von der Geschichte des Vaters und seiner Schule. Bereits am nächsten Tag starteten die beiden ihre Forschung im Stadtarchiv in Darmstadt.

Bei der Eröffnungsveranstaltung beschrieb Dreesen ihr Engagement: „Im Stadtarchiv fanden wir dann auch gleich die ersten Karteikarten von Schülern der Berufsfachschule. Und weil die Ausrichtung der Masada-Schule auch eine berufliche war und die jüdischen Schüler etwa so alt waren wie meine, dachte ich, dass das etwas für ein Schulprojekt wäre.“

Anschließend führte Renate Dreesen die Anwesenden durch die dabei entstandene, äußerst informative Ausstellung, bestehend aus 33 Roll-Up-Stellwänden mit Bildern und Erklärungen zu Lehrern, Schülern, geschichtlichen Zusammenhängen und Unterrichtsinhalten.

Obwohl die Jüdische Berufsfachschule Masada nur zehn Monate existierte, ist sie ein wichtiger Teil der hessischen Nachkriegsgeschichte und Ausdruck für den Wiederbeginn jüdischen Lebens im Nachkriegsdeutschland. Mitarbeiterin Susanne Siebert sowie Hausleiter Andreas Vetter, die sich dafür eingesetzt hatten, dass die Ausstellung in der LWV-Regionalverwaltung Darmstadt gezeigt wird, freuten sich sehr über das rege Interesse ihrer Kolleginnen und Kollegen.

AUSSTELLUNGSZEITEN

Die Ausstellung in der LWV-Regionalverwaltung Darmstadt (Steubenplatz 16, 64293 Darmstadt) ist bis zum 26. April von montags bis freitags nach Anmeldung unter Telefon 06151 801 – 0 oder per E-Mail an service-da@lwv-hessen.de  zwischen 9 und 13 Uhr geöffnet.

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