Mit Bedacht tragen Schulleiter Bernhard Hohl und zwei Schüler die großen Pakete durch die Eingangshalle in die Bibliothek der Johannes-Vatter-Schule. Auch den Schülern merkt man an, dass dies ein besonderer Moment ist. „Wir hätten nie gedacht, dass wir mal so etwas Wertvolles tragen“, freuen sich die beiden. Vorsichtig entfernen sie die Verpackung und platzieren die großen Rahmen auf zwei Staffeleien. Die Gemälde zeigen Johannes Vatter und seine Frau Johanna, geborene Rapp, und sind eine Schenkung von Günter F. Strauch, Urenkel von Johannes Vatter, dem Namensgeber der Friedberger Schule mit dem Förderschwerpunkt Hören.
Bereits im Sommer nahm Strauch Kontakt mit Bernhard Hohl auf. „Eine mir unbekannte Telefonnummer meldete sich mit ‚Mein Name ist Strauch, ich bin der Urenkel von Johannes Vatter und ich möchte der Schule zwei Bilder schenken‘“, erzählt der Schulleiter. An der offiziellen Übergabe der Gemälde Anfang Dezember in Friedberg nahmen neben Günter F. Strauch und Schulleiter Hohl auch LWV-Verwaltungsleiterin Nicole Dembowski und ihr Stellvertreter Jens Dratwa teil. Zudem die stellvertretende Schulleiterin Daniela Will, Förderschulkonrektorin Kristin Tiede, der Vorsitzende des Fördervereins Stefan Eufinger, Schulsekretärin Yvonne König sowie Schülervertreter Jeremy Rupschus. „Mir war es wichtig, dass wir als Schulgemeinde bei dieser Übergabe kurz innehalten und zeigen: Das ist ein besonderes Erlebnis“, sagt Hohl.
ANGEFERTIGT VON BEKANNTEM HANAUER MALER
Angefertigt wurden die zwei Porträts 1884 und 1886 vom Hanauer Maler Georg Cornicelius. Im 19. Jahrhundert war er „der“ Maler Hanaus. „Die Bilder hingen rund 70 Jahre lang bei meinen Großeltern in ihrer Frankfurter Wohnung. Als wir die Wohnung ausräumten, nahm ich die Gemälde mit nach Aachen und da hingen sie jetzt lange in meiner Wohnung“, beschreibt Kunstkenner und -liebhaber Strauch. „Aber so große Bilder passen nicht in jede Wohnung. Und da kam mir die Idee, dass sie vielleicht in der Johannes-Vatter-Schule am besten aufgehoben sind.“

Die Gemälde von Johannes Vatter und seiner Frau Johanna Vatter, geborene Rapp, aus dem 19. Jahrhundert.
Alle Fotos: Stefan Eufinger.
Johannes Vatter, geboren 1842 in Trailfingen auf der Schwäbischen Alb, hatte fünf Geschwister. Sein Vater war Weber. Bis zu seinem 14. Lebensjahr besuchte er die Volksschule in Trailfingen. Nach der Schule, im Sommer und Herbst 1856, arbeitete er viel auf dem Feld. Im Winter drosch er Getreide. Zum Jahresbeginn 1857 sagte er: „Ich dresche nicht mehr. Ich will Lehrer werden.“ Er absolvierte eine Lehrerausbildung in Nürtingen. Nach seinem Abschluss, am 1. Dezember 1861, wurde er Hilfslehrer an der Taubstummenschule in Nürtingen. Ab 1863 unterrichtete er an der Frankfurter „Taubstummen-Erziehungsanstalt“.
ÜBER 40 JAHRE LEITER DER „TAUBSTUMMEN-ERZIEHUNGSANSTALT“
Die „Taubstummen-Erziehungsanstalt“ wurde 1827 von Ludwig Kosel gegründet. Von 1874 bis 1916 leitete und prägte Johannes Vatter die Schule. Vatter bevorzugte, genau wie Kosel, die Lautsprache gegenüber der Gebärdensprache. Seine Ideen der Gehörlosenpädagogik vermittelte er in Schulbüchern als Redakteur einer Zeitschrift sowie in Vorträgen. 1880 beschlossen führende europäische Gehörlosenpädagogen auf dem Mailänder Kongress, dass die Lautsprache die einzig zulässige Unterrichtsmethode sein sollte. Über Jahrzehnte wurde die Gebärdensprache verdrängt. Viele Generationen von gehörlosen Menschen wuchsen ohne Zugang zu einer ihnen verständlichen Sprache auf.
„Im Kontext seiner Zeit sagte Vatter, als er nach Frankfurt kam, er beobachte die Schüler, höre auf ihre Sprache und höre genau auf seine Sprache“, beschreibt Hohl. „Und er dachte – so hat es die Kollegin für unsere Homepage zusammengefasst – das, was die Kinder erzählen und erleben, ist wichtig. Daraus müssen sie lernen und sie müssen mich gut verstehen. Danach kommt noch der Satz: Ich muss laut und deutlich sprechen.“ Der Schulleiter ergänzt seinen Kernsatz: „Die Kinder erleben Dinge und sie lernen daraus. Und ich muss so sprechen, kommunizieren, dass sie mich gut verstehen. Das ist ein Element, das uns heute extrem umtreibt und den Bogen spannt, von damals zu heute. Kommunikation mit der Sprachmodalität, die die Kinder verstehen können.“
GEHÖRLOSENPÄDAGOGIK VERSUS LAUTSPRACHMETHODE
Für die Schule sei es spannend, zwei Gemälde zu bekommen, die in die Zeit des Mailänder Kongresses 1880 gehören. Zwei Dinge sind dem Schulleiter dabei wichtig. Zum einen steht Johannes Vatter als Direktor einer Gehörlosenschule in Frankfurt für eine gewisse Zeitepoche. Nach 1880 entwickelte sich die Gehörlosenpädagogik in Europa in zwei komplett unterschiedliche Richtungen. In Deutschland setzte sich die Lautsprachmethode durch.
„Als Schule mit dem Schwerpunkt Hören setzten wir uns sehr stark und sehr kritisch mit dieser Geschichte der Gehörlosenpädagogik auseinander. Eine große Rolle spielt dabei auch die Erfahrung, die Generationen von Schülerinnen und Schülern bis in die 70er und 80er Jahre in den Schulen gesammelt haben“, erklärt Bernhard Hohl. Mit Blick Richtung Eingangshalle, in der gerade der alljährliche Weihnachtsmarkt der Schule startet, ergänzt er: „Das andere ist, man sieht es ja gerade draußen, dass Sie hier auf eine Schule treffen, die äußerst lebhaft, modern und lebendig ist. Wenn Sie Zeit haben, führe ich Sie gerne noch ein bisschen auf dem Weihnachtsmarkt herum.“ Strauch freut sich über diese schöne Gelegenheit. „Ich habe Zeit mitgebracht.“

Johannes Vatters Urenkel Günter F. Strauch im Austausch mit dem Schulsprecher Jeremy Rapschus bei der feierlichen Übergabe der Gemälde an der Johannes-Vatter-Schule.
HINTERGRUND: ZUM NAMEN DER SCHULE UND MALER CORNICELIUS
Die Schülerinnen und Schüler der Johannes-Vatter-Schule beschäftigen sich regelmäßig mit der Geschichte der Gehörlosenpädagogik und damit auch kritisch mit dem Namensgeber ihrer Schule. Für die Homepage der Schule verfasste eine Gruppe Schülerinnen und Schüler mit ihrer Lehrerin etwa einen Bericht zu „Woher kommt der Name der Johannes-Vatter-Schule?“.
Der Maler Georg Cornicelius porträtierte zahlreiche Familien in Hanau und aus dem Rhein-Main-Gebiet. Mit der Porträtmalerei verdiente ers seinen Lebensunterhalt. Auch in seinen anderen Werken stand der Mensch im Vordergrund. Bis 26.04.2026 zeigt die Ausstellung „Menschen, Märchen, Mythen – Entdecke Georg Cornicelius“ im Schloss Philippsruhe in Hanau Ausschnitte aus seinem Werk.

2 comments
Wie schön, dass es zum Namensgeber ein Bild gibt, das nun an seiner Wirkungsstätte gewürdigt werden kann.
Vielen Dank an den Urenkel, Herrn Stauch.
Hallo Manuela,
herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Wir freuen uns über Dein Feedback und finden es auch super, dass die schönen Bilder so unerwartet zur Schule gefunden haben.
Viele Grüße vom LWVblog-Team