Im Gespräch vermitteln und Anstöße zu Veränderungen geben: Jobcoach Önder Yilmaz (Mitte) zwischen Beschäftigtem Adrian Müller (r.) und dessen Chef Tönnies Katz - immer mit dem Ziel, Konflikte auszuräumen und den Arbeitsplatz zu sichern. (alle Fotos: Salome Roessler)

Adrian Müller behält seinen Job

Wie Jobcoaching Kündigungen verhindert und Teams arbeitsfähiger macht

„Soll ich Ihnen das Lager zeigen?“ Adrian Müller (36) eilt durch den Gang, Helm auf dem Kopf, Mobiltelefon an der Schnur um die Hüfte. „Man muss sich den Weg durchs Lager im Kopf vorstellen und den effizientesten wählen, um die Ware zu kommissionieren“, erklärt er im Laufen. „Das braucht viel Abstraktionsvermögen.“ Jobcoach Önder Yilmaz kennt Müllers Vorliebe, Besucher herumzuführen, längst. Seit fünf Monaten begleitet er ihn und unterstützt ihn im Arbeitsalltag.

„DAS CHAOS KOMMT IRGENDWIE VON SELBST“

Müller war schnell beim Zusammenstellen der Waren – zu schnell. Fehler häuften sich, Kunden reklamierten. Nun hat er eine neue Aufgabe: Er hält das Lager in Ordnung, sammelt Plastikmüll ein, schichtet Kartons um, zieht Kanister von hinten nach vorn. „An der Logistik interessiert mich die Theorie“, sagt er auf seiner Runde. Ein Lager sei wie Schach. Reihen, Gänge, Stellplätze – ein System. Jeder Zug braucht vorausschauendes Denken, lauter Wenn-Dann-Operationen. Die Praxis sieht oft anders aus: „Das Chaos kommt irgendwie von selbst“, sagt er und blickt auf ungeordnete Regale und aufgerissene Kartons.

Adrian Müller (der Name wurde auf seinen Wunsch geändert) hat Philosophie und Politikwissenschaften studiert, das Studium abgebrochen, gejobbt und die Arbeit verloren. Nebenbei erwähnt er, dass er in psychiatrischer Behandlung war. Ohne Arbeit, sagt er, sei das kein Leben.

Vor drei Jahren stellte ihn ein Betrieb für Verpackungen und Gastronomieartikel in Maintal bei Frankfurt am Main an. Doch bald gab es immer mehr Beschwerden: Müller komme zu oft zu spät, stelle zu viele Fragen, arbeite zu wenig eigenständig und mache zu viele Fehler. Das Arbeitsverhältnis stand auf der Kippe. Das Integrationsamt wurde eingeschaltet, schlug Jobcoaching am Arbeitsplatz vor und schickte Önder Yilmaz, frisch zertifizierten Jobcoach, in den Betrieb.

INTEGRATIONSAMT FINANZIERT JOBCOACHING

Das Integrationsamt des LWV Hessen finanziert Jobcoaching nach § 185 Sozialgesetzbuch Neun (in Verbindung mit § 24 SchwbAV) als sogenannte Begleitende Hilfen im Arbeitsleben. „Jobcoaches sind Spezialisten für Lernen und Entwicklung am Arbeitsplatz. Sie sollen mit allen Beteiligten Lösungen finden und Veränderungen anstoßen – mit dem Ziel, den Arbeitsplatz zu sichern“, erklärt Gudrun Dörken vom LWV Hessen Integrationsamt.

Inzwischen gehört Yilmaz fast zum Betrieb. Niemand wundert sich mehr, wenn er mit Helm und Sicherheitsschuhen durch die Regale kriecht, seinem Klienten zeigt, wie man Folien aufschneidet oder Kartons faltet, damit sie weniger Platz verbrauchen. Er arbeitet nach der Vier-Stufen-Methode: vorbereiten, vormachen, nachmachen, üben.

HERAUSFINDEN, WARUM DIE ARBEITSPROZESSE STOCKEN

Es ist der einfache Teil, ein paar Handgriffe zu zeigen. Schwieriger ist es, herauszufinden, warum die Arbeitsprozesse oft stocken und sich Müller verzettelt. Ein Beispiel: Der Auftrag heißt Papiermüll einsammeln. Er sucht in der Halle Cutter und Handschuhe, räumt nebenbei die Rampe auf, hilft einem Kollegen – und vergisst den Auftrag. Die Lösung: Ein Wagen mit allen nötigen Utensilien steht jetzt bereit.

Müller und Yilmaz haben noch eine Idee: Piktogramme an den Wänden erinnern Müller an Aufgaben wie „Hof reinigen“ oder „Gitterwagen leeren“. Eine App, speziell für Menschen mit ADHS, hilft ihm zusätzlich. Sie zerlegt seine Aufgaben in einzelne Schritte. Auch deshalb trägt Müller das Smartphone an der Hüfte.

Dann stand noch Müllers Unpünktlichkeit auf der Beschwerdeliste. Er kam häufig 60 bis 90 Minuten zu spät. Yilmaz regte an, die Ankommenszeit für Müller zu verlängern. Gute Idee, aber nicht erfolgreich. Was hinderte Müller daran, rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz zu erscheinen?

Zeit für ein Gespräch im stillgelegten Kühlhaus. Dort können die beiden ungestört reden. Adrian Müller erzählt, dass ihn die Kollegen herablassend behandelten. Sie verniedlichten seinen Namen und riefen hinter ihm her. „Das hat ihn so belastet, dass er kaum aus dem Haus kam“, berichtet Yilmaz. Er regt ein Gespräch mit dem Team und dem Chef an. Müller erklärte, was er sich wünscht: als vollwertiges Teammitglied anerkannt zu werden. Seine Gegenleistung: Pünktlichkeit. Yilmaz moderierte. Ein Jobcoach ist für alle da – für den Chef, die Kollegen, den Klienten. „Jobcoaches sind allparteilich.“

Damit Müller pünktlich kommt, hilft Yilmaz ihm, sich besser zu organisieren: am Vorabend Tasche packen, Müsli einweichen, Mobiltelefon aufladen, Wecker stellen. Ziel ist, dass Müller an zwei von seinen vier Arbeitstagen pünktlich erscheint. Yilmaz überprüft die Anwesenheitszeiten. Geschafft. „Wir wollen messbare Erfolge, damit der Betrieb sieht, dass wir vorankommen.“

EINJÄHRIGE WEITERBILDUNG ZUM „JOBCOACH AM ARBEITSPLATZ“

Önder Yilmaz (46) hat Hotelfachmann gelernt, ist staatlich geprüfter Betriebswirt und arbeitet bei Lebensräume in Offenbach, einer Stiftung zur Förderung der Teilhabe, Rehabilitation und Integration von Menschen mit seelischen Behinderungen. Er berät Arbeitgeber in der Region und ist nach einer einjährigen berufsbegleitenden Weiterbildung nun auch „Jobcoach am Arbeitsplatz“. „Mich reizt es, Menschen am Arbeitsplatz zu unterstützen und individuelle Lösungen zu finden.“ Lösungen, für die es oft keine Vorbilder gibt.

Übergabe der Abschlusszertifikate: Önder Yilmaz (oberste Reihe, 3.v.l.) hat ebenso wie zwölf weitere Teilnehmende im März 2026 die einjährige Weiterbildung zum Jobcoach (AP) abgeschlossen. Mit auf dem Foto: Gudrun Dörken, im LWV Hessen Integrationsamt verantwortlich für Jobcoaching (vorne, 1.v.l.), Integrationsamts-Leiter Thomas Niermann (2.v.l.), die Leiter der Weiterbildung, Harald Trees (3.v.l.) und Thorsten Hirsch (obere Reihe 1.v.r.) mit den Teilnehmenden. (Foto: Marc Oliver Gutzeit)

Adrian Müller ist Yilmaz‘ erster Praxisfall und Thema seiner Abschlussarbeit. Alle Phasen des Jobcoachings hat er dokumentiert. In der Auftragsklärungsphase sammelte er Informationen, analysierte die Lage im Betrieb, führte Einzelgespräche und vereinbarte Ziele mit dem Arbeitgeber und dem Beschäftigten. Dann folgte die Interventionsphase, in der viele Veränderungen angeregt und neue Abläufe eingeübt wurden. In der jetzigen Stabilisierungsphase beobachtet er nur noch, gibt einzelne Rückmeldungen und zieht sich schrittweise zurück.

Noch ist „der Kollege auf Zeit“, wie sich Jobcoaches nennen, an Müllers Seite. Gut so. „Ohne Herrn Yilmaz gäbe es dauernd Konflikte und Missverständnisse“, fürchtet Müller. Wie gesagt: Das Chaos kommt irgendwie von selbst.

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