Mischa und Annalena Holtgrefe
Mischa und Annalena Holtgrefe, Leiterin der Wohnstätte für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung in Gießen. Fotos: Rolf K. Wegst

Sicher vor der Welt da draußen

LWV fördert Wohnstätte für Menschen mit Autismus

In dieser Woche ist der internationale Welt-Autismus-Tag. Das Krankheitsbild ist vielseitig, es reicht von massiven Beeinträchtigungen bis hin zu leichteren Störungen. Die Zahl der Betroffenen ist nur schwer zu erfassen. Für viele von ihnen ist auch der LWV Hessen zuständig. Unsere Blog-Autorin Michaela Böhm und unser Blog-Fotograf Rolf K. Wegst berichten aus einer besonderen Einrichtung der Lebenshilfe Gießen.

Mischa (Name geändert), kurze Haare, nackte Füße, durchquert den Raum, indem er sich mit großen Schritten um sich selbst dreht. „Mischa, zieh die Hose hoch.“ Freundlich sagt Annalena Holtgrefe das. Sie leitet die Wohnstätte der Lebenshilfe für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung in der Rödgener Straße in Gießen. Ohne Annalena Holtgrefe anzuschauen, zieht Mischa seine Hose nach oben, kreist sich bis zum Sofa, lässt sich fallen und zieht das T-Shirt bis zur Brust. Nackt ist gut, Klamotten sind es eher nicht. Mischa guckt auf den Fernseher und schlenkert die Wäscheklammer zwischen seinen Fingern. Eine halbe gelbe Wäscheklammer. Die hat er immer in der Hand, die gibt ihm Halt. Ein anderer Bewohner nähert sich. Mischa steht augenblicklich auf und verlässt das Wohnzimmer.

Ein ungewöhnliches Wohnzimmer. Wand, Boden, Möbel – alles hat die gleiche blasse eintönige Farbe. Kein Bild, kein Teppich, keine Deko. Der Schrank ist fest in der Wand montiert, der Tisch so schwer, dass selbst Mischa ihn nicht umwerfen könnte. Fußbodenheizung statt Heizkörper. Panzerglas im Fenster. Steckdosen wie in der Justizvollzugsanstalt – unmöglich, sie herauszureißen. Schlicht, kahl, reizarm. Ideal für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung.  Hier ist ihr Zuhause. Hier sind sie sicher. Zäune und verschlossene Türen trennen die 13 Bewohner und Bewohnerinnen der Rödgener Straße von der Welt da draußen, die sie mit ihrem Lärm, dem Kreischend-Bunten und Hektischen erschreckt.

Mischa, 29, spricht nicht. Die Betreuerinnen und Betreuer wissen dennoch eine Menge über ihn. Dass er gern fernsieht und in seinem Zimmer am Bezug der Couch rumpuhlt und an der Tapete rumknibbelt. Dass er es liebt, spazieren zu gehen. Dabei zeitweise zwanghaft Blätter aß, sodass die Fachkräfte Büschel von Basilikum mit sich schleppten als Alternative zu den Blättern. Dass er es besser aushält als früher, wenn jemand nicht sofort mit ihm nach draußen gehen kann. Dass es aber keine gute Idee ist, beim Spaziergang abrupt umzudrehen und den gleichen Weg zurückzugehen.

Dann kann es zum Impulsdurchbruch kommen. So nennt es Holtgrefe, wenn Mischa seinen Kopf so fest gegen Wände und Fenster rammt, dass er schwerverletzt zusammenbricht. Wenn er die Reize, die auf ihn hereinbrechen, nur mit noch stärkeren Reizen bekämpfen kann. Mischa entwickelt dann so gewaltige Kräfte, dass es sechs Betreuer und Betreuerinnen braucht, um ihn in den Panikraum zu bringen. Dort sind Boden und Wände weich gepolstert, damit er sich nicht verletzen kann. Über ein Sichtfenster nimmt die Fachkraft Kontakt zu ihm auf. „Mischa, du bist nicht allein. Ich bin hier.“

Für Mischa gibt es einen richterlichen Beschluss, dass er wann immer notwendig im Panikraum eingeschlossen werden darf. Jeder Einschluss wird dokumentiert, der richterliche Beschluss der Freiheitsentziehung regelmäßig überprüft. Unter den 13 Bewohnerinnen und Bewohnern braucht er die intensivste Begleitung, tagsüber sind zwei Fachkräfte für ihn zuständig. „Unser Ziel ist es, dass Mischa nicht in die geschlossene Psychiatrie muss“, sagt Annalena Holtgrefe. Die Wohnstätte ist die letzte Möglichkeit auf ein Zuhause.

Zuhause ist ein Rückzugsort, an dem jeder für sich sein kann und niemand ungefragt ins Zimmer kommt. Deshalb lassen sich die Türklinken von außen zwar runterdrücken, aber die Tür öffnet sich nicht. Der Bewohner kann seine Zimmertür natürlich jederzeit von innen aufmachen und in dringenden Fällen können sie die Mitarbeiter auch elektronisch öffnen, einschließen kann sich hier niemand. Zuhause sein heißt auch, Platz zu haben, ohne dass ein Anderer in die Quere kommt, und das Zimmer nach eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Leon (Name geändert) fühlt sich wohl, wenn die Matratze auf dem Boden liegt und das Couchoberteil auf dem Bettkasten. Weil er sich selbst gern anschaut, sind in Sitzhöhe Spiegelfolien angebracht.

Das macht sonst keiner wie Leon. „Jeder hat eine eigene Persönlichkeit mit eigenen Bedürfnissen und eigenen Vorlieben“, sagt Christoph Will, Heilerziehungspfleger und Teamleiter. Eine Lieblingsbeschäftigung haben aber alle Bewohnerinnen und Bewohner: Sie plätschern gern mit Wasser, spielen damit und lassen es durch die Finger rinnen. Gern stundenlang, sehr heiß oder sehr kalt. Um das zu verhindern, ist die Temperatur automatisch reguliert und ein Wasserstopper eingebaut.

Zuhause heißt auch, sicher zu sein vor der Welt da draußen, vor Verletzungen und zu vielen Reizen. „Ist das gewährleistet, können die Bewohner und Bewohnerinnen auch mal Abweichungen ertragen.“ Wenn der bebilderte Dienstplan nachmittags nicht mit dem Plan vom Morgen übereinstimmt. Wenn der angekündigte Besuch der Eltern abgesagt wird. Wenn die Milchtüte leer ist. Manchmal funktioniert es. Nicht immer.

ALS „HILFS-ICH“ IM EINSATZ

„Wir sind ein Hilfs-Ich“, sagt Holtgrefe. „Wenn wir dabei sind, ist vieles möglich.“ Im Ort den Jahrmarkt zu besuchen und den Faschingsumzug, in einen Freizeitpark zu fahren oder zu einem Heavy-Metal-Konzert. Alles schon gemacht. Mit dem Auto fahrbereit ganz in der Nähe. Falls es zum Durchbruch kommt, sitzt Mischa auf der Rückbank, ein Gitter trennt ihn von der Fahrerkabine.

„Wir wurden nach der Gründung überflutet von Anfragen“, berichtet Dirk Oßwald vom Vorstand der Lebenshilfe in Gießen. Gesucht wurden Unterbringungen für junge Menschen mit Autismus-Störung, „die zu Hause für Furore sorgten“ und ausziehen wollten, und für Menschen wie Mischa und Leon mit besonderen Schutzvorrichtungen, viel Platz und einem Garten. Die nicht in einer gemischten Wohnstätte leben können mit anderen Menschen, die geistig beeinträchtigt sind. „Sie würden auf die Reizüberforderung mit Selbstverletzung reagieren“,  sagt Holtgrefe. Für die Wohnstätte erhielt die Lebenshilfe vom LWV Hessen vor kurzem einen Investitionszuschuss von mehr als einer halben Million Euro.

In der Wohnstätte der Lebenshilfe Gießen gibt es 41 Mitarbeiter, davon 25 Fachkräfte, meist Heilerziehungspfleger und Erzieherinnen, die viel Erfahrung mitbringen in der Arbeit mit Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung. Inzwischen wohnen hier drei Frauen und zehn Männer zwischen Anfang 20 und Ende 40, aufgeteilt in drei Gruppen, die meisten von ihnen sind tagsüber in einer externen Förderung.

In Gruppe 2 wohnen die jungen Leute, gerade von zu Hause ausgezogen, die Schule ist abgeschlossen. Sie sprechen miteinander, reichen sich auch mal Salz oder Zucker, bringen ihr Geschirr in die Küche, einer ist in der Berufsvorbereitung, ein anderer korrigiert schon mal ein falsch geschriebenes englisches Wort des Betreuers. Die einzige Gruppe ohne Panikraum und mit separatem Gartenbereich.

Im Wohnzimmer läuft ein Bewohner an der Wand entlang, drückt beiläufig die Klinke eines fremden Zimmers und ist wieder weg. Eine Frau huscht mit nackten Beinen durch den Raum, sie selbst steckt unter einer Decke. Mischa bewegt sich drehend vorwärts, in der Hand die halbe gelbe Wäscheklammer. Seit zwölf Jahren ist er bei der Lebenshilfe. Seine Durchbrüche sind seltener und weniger heftig. Vielleicht passt die Medikation gut, vielleicht lässt seine Kraft nach, vermutlich fühlt er sich sicher in der Rödgener Straße.

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