Die elfjährige Havin steht fast allein auf der großen Theaterbühne. Sie lässt ihre Hände flattern und erzählt nur mit Gesten von „Früher und heute“. Im Hintergrund eine Gebärdendolmetscherin, die Havins Text für diejenigen spricht, die hören können. Da geht es um grünen Regen, Hamburger mit Schokolade, ein kluges Äffchen und den Mond, der sich erstmal sonnen muss nach all der Veränderung. Eine magische Welt, verzaubert von einer Hexe, die Farbe, Überraschung und ein bisschen Chaos ins Leben bringt.
TEXTE ENTFÜHREN IN MAGISCHE WELTEN
„Veränderungen – Metamorphosen“, das ist das Stichwort über diesem ganz besonderen Theaterabend: Unter dem Motto „Literatur uneingeschränkt“ präsentieren sich Schüler und Schülerinnen von drei Frankfurter Schulen zum vierten Mal in der Frankfurter Volksbühne und bringen selbstgeschriebene Texte zu Gehör oder eben auch zur Ansicht für die vielen gehörlosen Menschen im Publikum.


Denn neben der Wöhlerschule, einem Gymnasium, und der Mosaikschule, einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung, ist auch die Schule am Sommerhoffpark beteiligt, eine Förderschule und überregionales Beratungs- und Förderzentrum im Gutleutviertel mit dem Förderschwerpunkt Hören, das vom Landeswohlfahrtsverband getragen wird. Rund 180 Kinder und Jugendliche besuchen derzeit die Schule mit der schönen Abkürzung SamS. Unterrichtet werden sie von der Vorklasse bis zu den Abschlüssen der Berufsorientierung, Haupt- und Realschule.
GESCHRIEBEN, GEBÄRDET, GELESEN, AUSWENDIG GELERNT
14 Schülerinnen und Schüler der 4. Klassen – alle zwischen zehn und 13 Jahren – haben mit ihrer Klassenlehrerin Kathrin Speier, der Deutschlehrerin Annika Hartmann und der Erzieherin Ankica Polenik seit Ende Februar für diesen Auftritt geprobt, Texte geschrieben, gebärdet, gelesen, auswendig gelernt. Unterstützt wurden sie dabei vom künstlerischen Leiter des Projekts, Florian Cieslik, der an der Wöhlerschule für klassen- und fächerübergreifende Projekte und die Theaterarbeit zuständig ist. Ein Bühnenprofi mit Leidenschaft für Sprache, der auch Workshops zu kreativem Schreiben und Poetry Slam anbietet.
Gemeinsam mit seiner Kollegin Franziska Deliry, Deutsch-, Latein- und Musiklehrerin sowie Inklusionsbeauftragter an der Wöhlerschule, hat er das literarische Inklusionsprojekt „Literatur uneingeschränkt“ vor drei Jahren ins Leben gerufen. Unterstützt wird es vom Arbeitskreis Inklusion der Polytechnischen Gesellschaft in Frankfurt.


Für die SamS-Kinder ist der Auftritt etwas ganz Besonderes: „Diese Theater- und Textarbeit macht unsere Kinder größer, sie gibt ihnen Kraft und Mut, zu schreiben, was ihnen durch den Kopf geht“, erzählt Schulleiterin Indra Schindelmann.
Dabei ist es anspruchsvolle literarische Kost, mit der Florian Cieslik die Kinder konfrontiert. Klassiker der Weltliteratur, angefangen bei Homers Odyssee über Sapphos „Hymnus an Aphrodite“, Ovid, Shakespeare oder Annette von Droste-Hülshoff bis zu „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, Kafka und dem Sänger Peter Fox, stellt er ihnen vor und fordert sie auf, mit eigenen Texten auf den literarischen Kanon zu antworten. „Das ist natürlich auch ein Spiel fürs Bildungsbürgertum“, erklärt er seine Textauswahl mit feiner Ironie.
VOLLER PHANTASIE, SPIELERISCH UND LEIDENSCHAFTLICH
Aber die Antworten der Kinder werden diesem Anspruch gerecht: Voller Phantasie, spielerisch und leidenschaftlich geben sie Einblicke in ihre Seelen- und Gedankenwelt, reagieren auf das eigene Großwerden, die Krisen dieser Welt, die Schönheit der Natur, Freundschaft und Vertrauen. Ob Sophie und Adamo von in ihrer kindlichen Welt ganz realen Hexereien berichten und damit auf den Zaubertrank des Homer reagieren, ob Evelina gebärdet „Wir schreiben, wir sind klug und haben keine leeren Köpfe“ oder Setareh tief durchatmet, als sie den Text ihrer Mitschülerin Vera unfallfrei ins Mikrofon gesprochen hat – die Kinder sind konzentriert bei der Sache und stolz auf ihre Auftritte.



Wie das ist, wenn richtig berühmte Schauspieler Texte lesen, bekommen sie dabei auch noch fast beiläufig mit. Der Kabarettist und Leiter der Frankfurter Volksbühne, Michael Quast, und die Berliner Theaterschauspielerin Bettina Hoppe sind die großen Vorbilder, die zu jedem Kapitel der Metamorphosen die literarischen Klassiker in Szene setzen.
Nur sehr versteckt spielen die Kinder dabei auf ihre Einschränkungen an – auch wenn das Thema Hören und Nicht-Hören-Können immer präsent ist, allein schon, weil die Gebärdendolmetscherinnen ständig im Einsatz sind. Auch das Publikum lässt sich nicht lange bitten, seinen begeisterten Applaus nicht nur hörbar durch Klatschen, sondern mit sichtbaren Händen, der Gebärde für Beifall, auszudrücken.
„SO RUHIG UND FRIEDLICH – OHNE COCHLEA-IMPLANTATE“
Einen der berührendsten Texte präsentiert an diesem Abend im mit 370 Plätzen vollbesetzten Theatersaal die 11-jährige Efsun. In Anspielung auf die Cochlea-Implantate (CIs), die vielen Schülerinnen und Schülern der Schule am Sommerhoffpark auf elektronische Weise das Hören ermöglichen, dichtet sie: „Ich rieche das Meer, es ist warm und salzig. Ich setze meine CIs auf und höre jetzt sogar die Wellen.“ Und dann, nach diesem sonnigen Tag, den sie schildert und der sie so glücklich macht, endet sie so: „Ich lege meine CIs ab. Es ist alles so ruhig und friedlich.“ Eine Stille, die Hörenden wohl immer fremd bleibt.
